Gott in Afrika

Heute zählen Pfingstkirchen in Afrika zur größten Glaubensgemeinschaft neben der katholischen Kirche. Der Kontinent zählt insgsamt rund 300 Millionen Muslime und 350 Millionen Christen.

Paul Oye, ein katholischer Priester aus Nigeria, wo Massengottesdienste der Pfingstkirchen mit 50.000 Gläubigen keine Seltenheit sind, meint: „Die Pfingstkirchen predigen das Evangelium, aber ihr wirkliches Ziel ist Geld. Sie sagen den Leuten, sie sollen für ihre Träume leben. Für sie sind Träume Wahrheit. Die Leute werden angehalten, Angst vor ihren eigenen Träumen zu haben. Es ist immer das Böse, der Teufel, der darin am Werk ist. Das macht die Menschen langsam aber sicher verrückt. Dann heisst es: “Wenn du einen Albtraum hast, komm zu uns, wir heilen dich.”

Viele Kirchen haben inzwischen eigene Fernsehsender und zeigen Filme von Wunderheilungen, in denen wiedergeborene Christen von ihrem Sündenfall und der Rettung durch den Heiligen Geist berichten. Solche Filme aus Nigeria sind auf dem Kontinent berüchtigt. Da wird ein Straßenkind vor die Kamera gezerrt und erzählt, wie ein Priester es von Hexerei befreit und seine Seele gerettet hat. In Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo, werden daher Straßenkinder als Inkarnation des Bösen verfolgt und zuweilen gelyncht.

Die neuen charismatischen Kirchen sind nicht nur Befreiungsbewegungen, sondern auch Herrschaftsinstrumente. Die stundenlangen Predigten dienen der Einschüchterung. Die Gläubigen werden im nächtelangen Beten mürbe gemacht und tun irgenwann alles, was man ihnen sagt. Bei den Gottesdiensten wird Geld gesammelt und zwar nicht zu knapp. Man spricht in diesem Zusammenhang von der “Gospel of Prosperity”, d.h., Reichtum ist ein Zeichen dafür, daß man von Gott gesegnet ist… Etwa nach dem Motto: Gott ist reich; also wenn man reich ist, ist man Gott nahe. Schon die Namen, die sich diese Gemeinschaften gegeben haben sind bezeichnend. In Nairobi gibt es die “Winners Church” oder die “Achievers Church”, die großen Zulauf haben.

Im Grunde ist das eine logische Weiterentwicklung des Protestanismus: Wer Erfolg hat, verdankt dies seiner eigenen Güte. Wem es schlecht geht, der ist selber schuld. Das ist das Erfolgsgeheimnis der neuen afrikanischen Kirchen. Sie sind Aufsteigerkirchen. Und Aufsteigen will jeder…

Als 2001 die Redeemed Christian Church of God [RCCG] in Nigeria verkündete, dass Gott beschlossen habe, in der Kirche solle es zehntausend Millionäre geben, war dies zugleich ein Ansporn für die Gläubigen und eine Einladung an die Reichen zum Beitritt. Die RCCG, 1952 gegründet, hat “Zwölf Schlüssel zum Wohlstand”:

 

  • Erkenn die Souveranität Gottes an.
  • Sei zum Reichwerden willig.
  • Folge Gottes Willen.
  • Gib, säe!
  • Gib von neuem Einkommen den ersten Teil.
  • Arbeite hart!
  • Vergrößere deine Aufnahmefähigkeit für Segen.
  • Bete, bereite dich auf Kampf vor.
  • Lobe den Herrn.
  • Verbinde dich mit dem Besitzer dieser Schlüssel, also Christus, durch seine
  • Kirche.

In Kenia unterhalten charismatische Kirchen private Universitäten und Management-Schulen. In Nigeria sind sie an vorderster Front bei der Nutzung modernster Technologien. Viele Kirchen begannen als Immobilienspekulation. Sie kaufen alte Fabrikgelände und holten das Geld wieder rein, indem sie dort Gottesdienste abhielten. Wie der ghanaische Sektenspezialist Asonzeh Ukah in einer Analyse der Predigten des RCCG Führers Adeboye ausführt, besteht die „Prosperity Gospel” dieser Kirchen in einer Perversion des Grundsatzes „Von nichts kommt nichts”. Für jede Leistung muss man etwas hinlegen, auch für Gottes Segen, und zugleich zwingt jede Gabe Gott zu einer Gegenleistung.

“Die Idee ist einfach und attraktiv”, erklärt Ukah. “Jesus hat schon alles getan, was nötig ist, um die guten Dinge in der Welt zu erreichen. Durch seine Armut und sein Leiden hat er sozusagen einen Kredit angehäuft, von dem wir jetzt frei sind zu zehren, da er sich für uns geopfert hat. Wenn man also arm ist, liegt das daran, dass man nicht gläubig ist. Mehrere afrikanische Präsidenten, die von der Wiedergeburt Afrikas träumen und dem Elend und der Diktatur ein Ende bereiten wollen, gehören diesen Erweckungskirchen an.

In Kinshasa sind heute Priester und Popstars die Jugendidole. Logischerweise hat sich Kongos größter Sänger Papa Wemba der Kirchenführerin Mama Elisabeth Olangi angeschlossen, zu deren gigantischen Gottesdiensten die hohe Politik pilgert. In Kongos heruntergekommenen Hauptstadt wimmelt es nur so von Sekten. Auf die Frage, warum es immer mehr Kirchen und Priester gibt, sagte Freddy Shembo von der Mount Carmel Church of God: “Die Leute haben Hunger nach Gott. Wenn es immer mehr Krankenhäuser und Ärzte gibt, ist das doch auch ein Zeichen für Entwicklung”.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur der taz.
Quelle: Publik-Forum

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AIDS in Afrika

In Afrika hemmen patriarchale Traditionen den Kampf gegen AIDS

Die falsche Zielgruppe

Südlich der Sahara breitet sich Aids in einem Tempo aus wie keine Seuche zuvor. 60 Prozent aller HIV-Infizierten leben in Afrika, das sind 25,4 Millionen Menschen. Allein in diesem Jahr haben sich über 3 Millionen Afrikaner neu infiziert. Vor allem aber: Junge Afrikanerinnen zwischen 15 und 24 Jahren. Beinahe jede siebte junge Frau südlich der Sahara ist heute HIV-positiv. Bei Männern liegt die Infektionsrate deutlich niedriger.

Prostitution ist jedoch, anders als die geplanten Aktionsprogramme der WHO suggerieren, nicht der Hauptgrund. Die Ausbreitung von Aids hat vielmehr mit den Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen zu tun.

Beispiel Südafrika: Es gilt unter HIV-infizierten erwachsenen Männern als Tatsache, dass der Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau sie von ihrer Krankheit heilt. Die Vergewaltigung junger Mädchen nimmt deshalb seit Jahren dramatisch zu.

Quer über den Kontinent müssen Witwen die Brüder ihrer verstorbenen Ehemänner ehelichen. Das verlangt “die Tradition”. Kleine Mädchen werden mit sexuell erfahrenen Männern verheiratet. Genital beschnittene Frauen – es sind geschätzte 120 Millionen – neigen durch Narben und Fisteln zu Blutungen beim Geschlechtsverkehr. Bis heute gibt es keine Untersuchungen, wie viel höher dadurch die Infektionsgefahr mit Aids ist.

Männliche Potenz- und Machtvorstellungen stehen jeder Art von Aids-Prävention im Weg. Je mehr Frauen ein Mann “hat”, desto höher ist sein Status: Ob in Form von Polygamie, als älterer Sugar-Daddy oder schlicht als Vergewaltiger. So mag Aufklärung in den Schulen ein wichtiger Aspekt im Kampf gegen Aids sein. Auch die von der WHO jetzt angekündigte Zusammenarbeit mit Prostituierten des südlichen Afrikas ist lobenswert. Die eigentliche Zielgruppe wird damit allerdings nicht erreicht.

Solange Männer nicht gezwungen werden, ihre Rollen und ihren gesellschaftlichen Status gegenüber Frauen neu zu definieren, so lange wird sich auch die Aids-Epidemie weiter ausbreiten. Vor allem bei denjenigen, die am wenigsten zu sagen haben: bei Frauen und Kindern.

Von: Kerstin Kilanowski; die Autorin hat lange als Journalistin aus Afrika berichtet. Quelle: taz Nr. 7528 vom 1.12.2004

Neue Forschungsergebnisse

Europäer stammen von wenigen Afrikanern ab

Edinburgh (rpo). Neues aus der menschlichen Entwicklung: Die Europäer stammen offenbar von einigen wenigen Afrikanern ab. Diese Gruppe hat vor rund 25.000 Jahren ihre Heimat verlassen. Die Gemeinschaft soll sogar nur aus wenigen hundert Menschen bestanden haben.

Die Forschungsgruppe des Menschlichen Genomprojekts (HUGO) stellte während einer Konferenz in Schottland ihre Ergebnisse vor, die erstmals Schätzungen ermöglichen, wie viele Menschen Europa begründeten. Die Wissenschaftler widersprachen damit auch anderen Theorien, wonach sich der Mensch gleichzeitig in Afrika, Europa und Asien entwickelte.

Die Forscher verglichen in einer Studie unter der Leitung des britischen HUGO-Wissenschatlers Eric Lander etwa 300 Chromosomen von Menschen in Schweden, Mitteleuropa und Nigeria. Die Unterschiede der genetischen Muster zwischen den europäischen und afrikanischen Chromosomen zeigten dann, vor wie langer Zeit Europäer Afrika verließen und wie viele Menschen es etwa gewesen sein müssen. Danach stammten die Europäer von weniger Vorfahren ab als die Afrikaner; Lander sprach von einem evolutionären Flaschenhals. “Es sind hunderte, nicht tausende”, sagte er.

Die nigerianischen Chromosomen waren gut gemischt, was auf einen großen Genpool und lange Entwicklungsgeschichte deutet. Die europäischen Chromosomen zeigten dagegen lange Strecken von nicht gemischtem genetischem Material, ein Hinweis darauf, dass sehr viel weniger Chromosomenarten beteiligt waren. “Die Beweise sind überwältigend, dass die heutigen Europäer von einer sehr kleinen Gruppe abstammen, die eine Weile klein blieb und sich dann ausdehnte”, sagte Eddy Rubin von der Universität von Kalifornien in Berkeley.

“Es ist erstaunlich, dass die menschlichen Chromosomen als Geschichtsbuch gelesen werden können”, erklärte Lander. Man werde sagen können, in welcher Beziehung Bevölkerungen zueinander stünden, wann die ersten Menschen dort eingetroffen und wie viele es gewesen seien. Zurzeit lebten sechs Milliarden Menschen auf der Erde, diese wiesen aber die genetische Vielfalt einer Population von nur einigen Zehntausend Personen auf, sagte Lander. “Wir sind eigentlich eine winzige Spezies, die in einem Augenzwinkern enorm angewachsen ist.”

Quelle: Rheinische Post, Düsseldorf

Anmerkungen zur Afrikanischen Kultur

Unter Kultur verstehen wir hier die ungeschriebenen Werte, die die Verhaltensmuster in einem Volk bestimmen. Dasselbe Verhalten kann in verschiedenen Ländern unterschiedliche Bedeutung haben. Zum Beispiel: In Deutschland gehört es zur guten Sitte, den Teller leerzuessen. Es ist ein Zeichen, dass es einem gut geschmeckt hat. In England hingegen bedeutet das gleiche Verhalten, dass das Essen zu knapp bemessen war. Man lässt deshalb gerne einen Rest auf dem Teller liegen, um zu zeigen, dass man mehr als genug hatte.

Schwarz ist eine besondere Farbe

Wenn wir von Afrika sprechen, sprechen wir meist vom Schwarzen Kontinent. Schwarz ist ja eine besondere Farbe, mit der wir eigentlich immer nur Negatives verbinden:

  • Schwarzmarkt
  • Schwarzes Schaaf
  • Wir sehen schwarz
  • Farbe der Trauer

Afrika der Katastrophenkontinent

Einige Fakten:

  • Es gibt in Afrika mehr HIV-Infizierte als in anderen Teilen der Welt, etwa 25 Mio.
  • In Kenya sterben pro Tag 700 Menschen an Aids-bedingten Krankheiten, 15 % der erwachsenen Bevölkerung in Kenya ist HIV-positiv.
  • 17 von 19 jungen Kenianern würden morgen nach Amerika oder Europa auswandern, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten.
  • Jeder 5. Afrikaner ist direkt oder indirekt von den Folgen verschiedener Kriege in Afrika betroffen, z.B. Elfenbeinküste, Liberia, Äthiopien, Rwanda, Kongo.

Aber es gibt auch deutliche Zeichen der Hoffnung in Afrika, die unter dem Stichwort “Afrikanische Renaissance” zusammengefasst werden können. Diese Anzeichen von Wiedergeburt erleben wir zur Zeit hautnah hier in Kenya, wo das korrupte Regime von Arap Moi nach 24 Jahren durch friedliche und demokratische Wahlen abgelöst wurde. Wenn in Kürze die neue Verfassung in Kraft treten wird, dann wird Kenya eine der modernsten und demokratischsten Verfassungen der Welt haben. Das ist ein Grund zur Hoffnung, was man schon jetzt in der Bevölkerung spüren kann.

Wiege der Menschheit

Vergessen wir nicht, daß Afrika, der zweitgrößte Kontinent der Welt, die Wiege der Menschheit ist. Gar nicht weit von hier auf der Rusinga Insel im Viktoriasee hat man 1931die ältesten Funde menschlichen Lebens [Proconsul] gefunden, in einer Erdschicht, die etwa 24 Mio Jahre alt ist. Ähnliche Funde hat man auch im Olduvai Tal in Tanzania gemacht.

Ein Paradox der Geschichte ist aber, daß Afrika einerseits der Kontinent ist, wo menschliches Leben zuerst entstand, andererseits ist es der Kontinent mit der niedrigsten Lebenserwartung, was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, daß Afrika 4 x soviel an Zinsen für erhaltene Darlehen zahlt, als es für die Gesundheit seiner Menschen aufbringt.. Ali Mazrui, ein kenianischer Soziologe: “Africa was the first habitat of man, but the last to become habitable”.

2000 Sprachen in Afrika

Der beste Zugang, um ein Volk, eine Kultur, zu verstehen, ist von der Sprache her, denn die Sprache ist ja nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern sie verrät uns etwas vom Denken der Menschen.

Beispiel: In Sambia in der Sprache Cibemba ist ein häufiger Gruß “Mwalileni” d.h. “hast du heute schon etwas gegessen?” Die Antwort ist immer: “Tafimonika” d.h. “ich habe heute noch nichts gesehen” selbst wenn das nicht der Tatsache entspricht. Diese Begrüßung sagt aber sehr viel über die Essgewohnheiten der Leute in Sambia.

In Afrika gibt es etwa 2000 Sprachen: Swaheli, Yoruba, Shona, Bambara, Cibemba, Afrikans, um nur einige zu nennen. Das sind keine Dialekte, sondern selbständige Sprachen, die die Denkweise und das Weltbild der Menschen oft in Legenden und Sprichwörtern reflektieren.

Afrika ist der Kontinent mit den meisten Sprachen. Nigeria ist widerum das Land mit den meisten Sprachen: 520. Kamerun: 250. Hier in Kenya, wo Swaheli die Nationalsprache und Englisch die offizielle Sprache ist, gibt es zwei große Sprachgruppen:

Bantusprachen: Swaheli, Kikuyu, Akamba, u.a.
Nilotische Sprachen: Maasai, Turkana, Luo, u.a.
Jede dieser Sprachen hat auch ihre eigenen kulturellen Werte.

Es gibt praktisch kein Land in Afrika, in dem nur eine Sprache gesprochen wird. Während Namibia zum Beispiel das Englische – von einer verschwindend kleinen Minderheit gesprochen und beherrscht – zur Nationalsprache erhob, und damit dem alten Modell des sprachlich einheitlichen Nationalstaats huldigte, obwohl die große Mehrheit der Bevölkerung etwa ein Dutzend einheimischer Sprachen plus Afrikaans und Deutsch spricht, hat Südafrika das modernere Modell eines multikulturellen und vielsprachigen Staates akzeptiert. Auch wenn das Englische de facto oft lingua franca ist, sind alle elf einheimischen Sprachen gleichberechtigt, und sogar die sogenannten “heritage languages”, Sprachen größerer Einwanderungsgruppen und kulturell bedeutsame Sprachen wie hebräisch und arabisch, portugiesisch und deutsch unter dem besonderen Schutz des neuen Grundgesetzes.

Muttersprache

Nun sprechen wir ja nicht umsonst von der Muttersprache. Warum wohl? Weil in allen Gesellschaften die Mütter die Treuhänder der einheimischen Sprachen sind. Von Generation zu Generation reichen die Mütter die Muttersprache weiter. Das bringt mich zu meinem nächsten Thema.

Die Rolle der Frau in Afrika

In den meisten Kulturen südlich der Sahara wird den Frauen eine dreifache Rolle als Hüterin zugeschrieben: als Hüterin von Feuer, Wasser und Erde.

  • Als Hüterin des Feuers hat die afrikanische Frau die Aufgabe, für die auf dem Land wichtigste häusliche Energiequelle zu sorgen: das Brennholz.
  • Als Hüterin des Wassers sorgt sie dafür, dass stets genug Wasser für die Familie im Haus ist. Nur 10% der Weltbevölkerung haben fließendes Wasser.
  • Die Rolle der Frau als Hüterin der Erde bezieht sich auf ihre doppelte Fruchtbarkeit:
    Die Fruchtbarkeit des Leibes, die Frau als Mutter.
    Die Fruchtbarkeit des Bodens, durch die Frau, die den Acker bestellt.

Welche Aufgabe haben die Männer?

Sie sind für die größeren Haustiere wie Kühe und Kamele zuständig. Die Männer fällen die Bäume, gehen auf die Jagd, arbeiten als Tagelöhner in der Stadt oder im Bergwerk.

In den Städten hat sich natürlich die traditionelle Arbeitsverteilung verändert. Hier sind die Frauen oft selbstbewusster und halten sich weniger an die traditionellen Vorschriften. Deshalb wollen viele Männer auch lieber eine Frau vom Dorf heiraten…

Afrikanische Religiosität

Der kenianische Religionsphilosoph Mbiti: Afrikaner sind notorisch religiös. Neuesten Schätzungen zu Folge:

  • 400 Mio Christen
  • 340 Mio Moslems
  • 75 Mio Anhänger afrikanischer traditioneller Religionen.

Diese traditionelle Religionen werden auch Stammesreligionen genannt, weil sie eng mit den Sitten und Gebräuchen der verschiedenen Stämme zusammenhängen. Diese Religionen sind fest verwurzelt in Sprache und Brauchtum des Stammes. Wenn Afrikaner zum Christentum konvertieren, dann ist es oft der Fall, dass sie in Krisensituationen den alten Gebräuchen der traditionellen Religion folgen. Es gibt in der Regel keine Begründer der afrikanischen Religionen. Sie entwickelten sich über Jahrhunderte, vor allem durch die Beobachtung der Natur und des alltäglichen Lebens.

Diese Religionen haben auch keine heiligen Schriften wie die Bibel oder den Koran. Die traditionellen Religionen sind ins Leben der Menschen einge-schrieben. Afrikaner leben ihre Religion in allen Lebenslagen: auf Reisen, beim bebauen der Felder, beim Jagen oder Fischen, bei der Partnersuche und vor allem im Krankheitsfall. Alles hat für ihn eine religiöse Bedeutung, auch wenn man z.B. akzeptiert, dass ein Kind an Malaria stirbt.

Afrikanische Christen leben oft in einem Dilemma, das sich darin manifestiert, dass sie in bestimmten Lebenssituationen Zuflucht und Hilfe in den traditionellen religiösen Bräuchen suchen, die ja Teil ihres kulturellen Erbes sind.

Beispiel: In Nigeria wird ein christlicher Businessmann, der zu den Yoruba gehört, sein neues Autos zunächst auf traditionelle Weise versichern. Er wird Ogun, dem Gott des Eisens, ein Opfer darbringen, um sein neues Auto unter dessen Schutz zu stellen. Dann bringt er das Auto zu seiner Kirche, wo er es auch vom Priester segnen lässt. Missionare haben darin in der Vergangenheit meist einen Mangel an Glauben gesehen. Ähnlich hat man früher die Ahnenverehrung, die das Herzstück der afrikanischen traditionellen Religionen ist, als Aberglaube verurteilt. Heute bemüht man sich, wesentliche Elemente der Ahnenverehrung in Ländern wie Burkina Faso oder im Kongo, in den christlichen Glauben zu integrieren. Man spricht in diesem Zusammenhang von Inkulturation, d.h. man versucht, den christlichen Glauben in Afrika heimisch zu machen, indem man die kulturellen Werte der verschiedenen Stämme ernst nimmt.

Und so wird auch der schwarze Abiturient, bevor er sein Studium an der Universität beginnt, “nach Hause” in die Transkei fahren, um dort “den Ahnen vorgestellt” zu werden und die traditionellen Mannbarkeitsriten und die Beschneidung über sich ergehen lassen, bevor er er sich an das Studium der Nuklearphysik macht; wie ja auch der deutsche Abiturient sich meist nicht von Weihnachtsbaum, Konfirmation oder Erstkommunion vollkommen gelöst hat. Die traditionelle vor allem sakrale Kultur füllt so eine Lücke in der globalen Kultur und der tradtionelle Heiler ist bei Krankheiten ebenso gefragt wie das mit modernsten Instrumenten ausgestattete Zentralkrankenhaus.

Kultur und Globalisierung

Die durch die modernen Kommunikationsmittel begünstigte Globalisierung macht auch vor Afrika nicht Halt und bedroht dessen kulturelle Vielfalt. Aber wozu brauchen wir eigentlich Kultur? Unsere Kultur verleiht uns Identität, sie sagt uns, wer wir sind. Sie gibt uns Anweisungen zum richtigen Handeln. Dabei sind nicht alle kulturellen Praktiken positiv zu sehen. Es gibt kulturbedingte Praktiken, z.B. die Beschneidung von Frauen, die lebensfeindlich sind, und deshalb keine Unterstützung verdienen.

So wie ein Baum ohne Wurzeln nicht wachsen kann, so brauchen auch wir kulturelle Wurzeln, um unser Leben sinnvoll zu gestalten. Wenn aber selbst Europa sich von der amerikanischen Kulturhoheit bedroht fühlt und den ungeheuren Resourcen zur Produktion und Verbreitung dieser “globalen” Kultur nichts gleiches entgegensetzen kann, dann ist es nicht verwunderlich, daß die Länder Afrikas, und besonders Ostafrikas, der kulturellen Weltherrschaft kaum etwas entgegenzusetzen haben. Kulturen beginnen in den Schlaglöchern des Information High Ways und des globalen Informations- und Unterhaltungsnetzs zu verschwinden. Um dieser Verarmung vorzubeugen, müssen sich Afrikaner ihrer kulturellen Werte wieder neu bewusst werden und ihren lebensstiftenden Sinn erkennen. Ich denke hier vor allem an die afrikanische Kultur der Mitmenschlichkeit, “Ubuntu” die vor allem den Schwächeren der Gesellschaft einen gewissen Schutz verleiht.

P. Dr. Fritz Stenger, M.Afr., Nairobi