AIDS in Afrika

In Afrika hemmen patriarchale Traditionen den Kampf gegen AIDS

Die falsche Zielgruppe

Südlich der Sahara breitet sich Aids in einem Tempo aus wie keine Seuche zuvor. 60 Prozent aller HIV-Infizierten leben in Afrika, das sind 25,4 Millionen Menschen. Allein in diesem Jahr haben sich über 3 Millionen Afrikaner neu infiziert. Vor allem aber: Junge Afrikanerinnen zwischen 15 und 24 Jahren. Beinahe jede siebte junge Frau südlich der Sahara ist heute HIV-positiv. Bei Männern liegt die Infektionsrate deutlich niedriger.

Prostitution ist jedoch, anders als die geplanten Aktionsprogramme der WHO suggerieren, nicht der Hauptgrund. Die Ausbreitung von Aids hat vielmehr mit den Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen zu tun.

Beispiel Südafrika: Es gilt unter HIV-infizierten erwachsenen Männern als Tatsache, dass der Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau sie von ihrer Krankheit heilt. Die Vergewaltigung junger Mädchen nimmt deshalb seit Jahren dramatisch zu.

Quer über den Kontinent müssen Witwen die Brüder ihrer verstorbenen Ehemänner ehelichen. Das verlangt “die Tradition”. Kleine Mädchen werden mit sexuell erfahrenen Männern verheiratet. Genital beschnittene Frauen – es sind geschätzte 120 Millionen – neigen durch Narben und Fisteln zu Blutungen beim Geschlechtsverkehr. Bis heute gibt es keine Untersuchungen, wie viel höher dadurch die Infektionsgefahr mit Aids ist.

Männliche Potenz- und Machtvorstellungen stehen jeder Art von Aids-Prävention im Weg. Je mehr Frauen ein Mann “hat”, desto höher ist sein Status: Ob in Form von Polygamie, als älterer Sugar-Daddy oder schlicht als Vergewaltiger. So mag Aufklärung in den Schulen ein wichtiger Aspekt im Kampf gegen Aids sein. Auch die von der WHO jetzt angekündigte Zusammenarbeit mit Prostituierten des südlichen Afrikas ist lobenswert. Die eigentliche Zielgruppe wird damit allerdings nicht erreicht.

Solange Männer nicht gezwungen werden, ihre Rollen und ihren gesellschaftlichen Status gegenüber Frauen neu zu definieren, so lange wird sich auch die Aids-Epidemie weiter ausbreiten. Vor allem bei denjenigen, die am wenigsten zu sagen haben: bei Frauen und Kindern.

Von: Kerstin Kilanowski; die Autorin hat lange als Journalistin aus Afrika berichtet. Quelle: taz Nr. 7528 vom 1.12.2004

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